Arbeitsgruppe Weichfresser e.V. - Für Freunde der Weichfresser

Rohrammer

12 Okt, 2017

Rohrammer

Die Rohrammer

Schoeniclus schoeniclus (Linné, 1758)

© T Ratjen

Das Sprichwort „Der schimpft ja wie ein Rohrspatz“ ist bei uns weit verbreitet und wirklich jedermann bekannt, welcher Vogel sich aber dahinter verbirgt, das wissen nur die wenigsten.
Über meine Erfahrungen in der Haltung und Zucht dieser unscheinbaren aber interessanten Ammerart möchte ich hier berichten.

Systematik:
Ordnung: Passeriformes – Sperlingsvögel
Unterordnung: Passeres – Singvögel
Familie: Emberizidae – Ammern
Unterfamilie: Emberizinae – Altweltammern
Gattung: Schoeniclus
Art: Schoeniclus schoeniclus
Unterarten: Schoeniclus schoeniclus schoeniclus, teilweise wird Schoeniclus schoeniclus passerina; Schoeniclus schoeniclus parvirostris; Schoeniclus schoeniclus pyrrhulina; Schoeniclus schoeniclus pallidior; Schoeniclus schoeniclus stresemanni; Schoeniclus schoeniclus ukrainae; Schoeniclus schoeniclus incognita; Schoeniclus schoeniclus pyrrhuloides; Schoeniclus schoeniclus harterti; Schoeniclus schoeniclus centralasiae; Schoeniclus schoeniclus zaidamensis; Schoeniclus schoeniclus witherbyi; Schoeniclus schoeniclus intermedia; Schoeniclus schoeniclus tschusii; Schoeniclus schoeniclus reiseri; Schoeniclus schoeniclus caspia und Schoeniclus schoeniclus korejewi gelistet.


Porträt 1,0 Rohrammer

Englischer Name: Reed Bunting;
Französischer Name: Bruant des roseaux;
Italienischer Name: Migliarino di palude;
Holländischer Name: Rietgors;
Spanischer Name: Escribano palustre;

Verbreitung:
Die Rohrammer bewohnt ein geschlossenes, fast 4000 km breites und 12000 km langes Gebiet, das sich über alle Länder Europas und weite Räume Asiens bis Kamtschatka und Nordjapan erstreckt. Die Südgrenze liegt im Mittelmeerraum und verläuft durch Israel, den Irak, Nordiran und Mittelasien.
Es werden bis zu 15 Unterarten unterschieden die in drei Unterartengruppen aufgeteilt werden.
Die „schoeniclus“ Gruppe umfasst kontrastreich gefärbte Vögel von kleiner Statur mit relativ dünnem Schnabel.
Zur „pyrrhuloides“ Gruppe gehören die größten Rohrammern mit hellem, wenig kontrastreichem Gefieder und dem kräftigsten Schnabel.
In Körper- und Schnabelgröße sowie Gefiederfarbe steht die „intermedia“ Gruppe zwischen den vorstehenden Gruppen.
In Mitteleuropa ist die Nominatform Schoeniclus schoeniclus schoeniclus verbreitet, sie ist Strich- und Zugvogel, überwintert in Süd- und Westeuropa, dem mittleren Osten und in Nordafrika.


Porträt 0,1 Rohrammer

Biotop:
Die Rohrammer kommt überall dort vor wo am Wasser in einem mehr oder weniger breiten Vegetationsstreifen Feuchtigkeit liebende Pflanzen wachsen. Dies können Gebiete wie Moore, Sümpfe, Röhrichte, Ufer von Seen, Teichen, Flüsse mit Weidengebüsch, außerdem auch Wiesengräben sein. Oft trifft man sie bei uns in Nachbarschaft von Schafstelzen, Rohrsängern, Wiesenpiepern, und Braunkehlchen an.

Beschreibung:
Zur Brutzeit haben die Männchen einen schwarzen Kopf und Brustlatz, ein Halsring, der Bartstreif und die Unterseite sind weiß. Leider sind diese Gefiederpartien in der Voliere durch mangelhafte Abnutzung nicht so kontrastreich gefärbt als in der Natur. Hier sind sie an der Unterseite oft schmutzig weiß und der schwarze Kopf ist noch mit braunen Federsäumen durchsetzt. Die Oberseite ist braun mit schwarzen Streifen, der Bürzel grau. Die Flanken sind dunkel gestrichelt. Nach der Mauser sind die schwarzen Gefiederpartien von Kopf und Brust sowie der weiße Halsring durch braune Federsäume verdeckt. Jetzt gleichen Männchen und Weibchen sich sehr. Diesen fehlt die auffällige Kopfzeichnung, sie haben einen bräunlichen Kopf mit schmutzigweißem Überaugenstreif und eine ebenso gefärbte Kehle mit dunklem Bartstreif. Die Oberseite ist fahler, die Unterseite ist ebenfalls schmutzig weiß, dunkel
gestrichelt.


1,0 Rohrammer

Unterbringung:
Die Rohrammern sind bei mir ganzjährig paarweise in einer 40 m² großen, geschützten Aussenvoliere untergebracht. Diese ist mit Fichten, Eiben, Weide, Bambus, Wildrose, Efeu, Brennnessel, verschiedenen Stauden und Gräsern bepflanzt. Die mit Holz verkleideten Wände der Voliere sind außerdem mit Kieferzweigen behangen die jährlich zwei Mal ausgetauscht werden. Die Voliere ist komplett überdacht, eine Bewässerungsanlage, wie sie in Gärtnereien verwendet wird, sorgt hier für die gegebenenfalls nötige Beregnung. Ein größeres Badebecken wird von den Rohrammern sehr gern aufgesucht. Vergesellschaftet waren die Ammern über die Jahre mit Bart- und Sumpfmeise, Mönchsgrasmücken, Schafstelzen, Berghänfling, Rotdrossel, Gebirgsstelze, Chinagrünling und Feldwachteln. Mit keiner dieser Arten konnten jemals Streitereien festgestellt werden. Ein ebenfalls in dieser Voliere untergebrachtes Paar Fichtenzeisige musste aber entfernt werden da die Arten sich gegenseitig störten. Ein in der Nachbarvoliere untergebrachtes Paar Gelbbauchammern wurde so lange nicht beachtet bis beide Paare in unmittelbarer Nähe des trennenden Drahtes ein Nest bauten. Jetzt hingen die Männchen beider Paare oft am Draht und stritten sich bis das Gelbbauchammerweibchen leider das Gelege aufgab und wieder Ruhe einkehrte.

Zucht:
Bei vorfrühlingshaften Temperaturen beginnen die Männchen der Rohrammer oft schon im März ihren einfachen, monoton tschilpenden Gesang von erhöhter Warte aus vorzutragen. Oft finden jetzt Verfolgungsjagden der Partner statt wobei Jäger und Gejagter sich auch abwechseln. Ende April wurde allein vom Weibchen das im Verhältnis zur Goldammer recht kleine Napfnest errichtet. Es besteht Außen aus breiteren Gräsern und Halmen, Innen ist es mit feinen Gräsern und Kokosfasern ausgepolstert. Das Nest wird nicht mit der Vegetation verbunden, es liegt immer lose darauf auf und kann somit auch recht leicht herunterfallen. Hier muss der Züchter gegebenenfalls eingreifen und es absichern indem z. B. ein Körbchen darunter befestigt wird. In der Natur steht das Nest meist in Bodennähe bis ca. 40 cm Höhe. In der Voliere wurde ein Kieferzweig in ca. 2m Höhe, an der Volierenwand angebracht, als Standort für ein freistehendes Nest ausgewählt. Die weiteren Neststandorte waren eine Fichte (ca. 80 cm), eine Wildrose (ca. 1,4m) und ein Baumstubben in ca. 20 cm Höhe. Alle Nester wurden bei mir freistehend errichtet, es wurde keine der zahlreich angebotenen Nisthilfen von den Rohrammern beachtet. Wird das 1. Ei vor Fertigstellung des Nestes gelegt wird nach der Ablage weitergebaut. Die bei meinen Rohrammern immer 4 Eier wurden allein vom Weibchen 13 bis 14 Tage lang bebrütet, das Männchen konnte nie auf dem Nest beobachtet werden. Auch wird das Weibchen nicht auf dem Nest gefüttert, es verlässt dieses immer kurzzeitig um Futter und Wasser aufzunehmen und Kot abzusetzen. Beide Altvögel halten das Nest bis zum Ausfliegen der Jungen sehr sauber, das Beringen am 5. Tag mit 2,8mm Artenschutzringen wurde aber trotzdem nicht übel genommen und die Jungen im Nest belassen. Auch nach Nestkontrollen wurde dieses bereits kurze Zeit später wieder von den Adulten angeflogen, Spätestens ab dem 8. Tag sollte man aber die Kontrollen unterlassen da die Jungen ansonsten verfrüht das Nest verlassen. Den größten Anteil an der Fütterung übernahm das Weibchen, während das Männchen weiterhin seinen einfachen Gesang vorgetragen hat. In den ersten Tagen wurden fast ausschließlich Buffalos und kleine Heimchen sowie kleine Fluginsekten aus der Lichtfalle, die jeden Morgen frisch in die Voliere gegeben wurden, verfüttert. Nach ca. 4 Tagen wurden vermehrt Pinkies, später auch Mehlkäferlarven an die Jungen gereicht. Mit 10 bis 12 Tagen, bei Störungen auch früher, verlassen die Jungen Rohrammern noch flugunfähig das Nest und halten sich dann noch ca. eine Woche in der niedrigen Bepflanzung der Voliere verborgen. Wie in der Natur werden auch in der Voliere meist zwei Bruten aufgezogen. Nachdem die Jungen der ersten Brut selbständig geworden sind sollte man sie aus der Voliere entfernen damit sie die Folgebrut nicht stören. Im Herbst und Winter kann man Rohrammern aber auch problemlos in kleinen Gruppen miteinander vergesellschaften aus denen sich die Paare für das nächste Zuchtjahr finden können.

Fütterung:
Das ganze Jahr über steht den Rohrammern eine gute Waldvogelmischung mit Kanariensaat gestreckt und ein Exotenmischfutter (Fa. Blattner) sowie ein Weichfutter von Muchaterra, von denen ich auch mein lebendfutter in hervorragender Qualität beziehe, zur Verfügung. In der Brutzeit ernähren sie sich aber nahezu ausschließlich von animalischer Kost. Hier reiche ich Pinkies, Buffalos, Heimchen und Mehlkäferlarven. Diese werden mit einer Mischung aus tierischen und pflanzlichen Ölen benetzt und mit einem Pulver hergestellt aus Bierhefe, Vitaminkalk, Traubenzucker und einer Kräutermischung (Zehn Kräuter Mix, Fa. Claus) leicht paniert. Es werden auch reife und halbreife Gräser sowie Wildkräuter in die Voliere gegeben, diese finden in der Brutzeit wenig Beachtung, werden aber immer nach kleinen Insekten abgesucht. Die Nahrungsaufnahme der Rohrammer findet in der Natur meist am Boden statt. In der Voliere habe ich daher drei Futterplätze in unterschiedlicher Höhe eingerichtet. Die Ammern bevorzugen hier eindeutig denjenigen in Bodennähe sodass es auch bei der Futteraufnahme selten zu Streitereien zwischen den verschiedenen Arten kommt.

Literatur:
H. Blümel „Die Rohrammer“ Die Neue Brehm Bücherei
Limbrunner, Bezzel, Singer, Richarz „Enzyklopädie der Brutvögel Europas“ Kosmos