Arbeitsgruppe Weichfresser e.V. - Für Freunde der Weichfresser

Kurzzehenlerche

25 Jan, 2018

Kurzzehenlerche

Die Kurzzehenlerche

Calandrella brachydactyla (Leisler, 1814)

© T. Ratjen

Vor einigen Jahren sah ich auf einer Vogelbörse bei einem Anbieter eine kleine, ruhige Lerchenart, die sich als Kurzzehenlerche herausstellte. Erst im zweiten Jahr gelang mir die Nachzucht über die ich hier berichten möchte.

 

Namen:

Englischer Name: Short-toed lark

Französischer Name: Alouette calandrelle

Niederländischer Name: Kortteenleeuwerik

Italienischer Name: Lodi, Gic-giac, Totolin, Lodola tamburela

Systematik nach Wolters (1975 bis 1982)

Ordnung: Passeriformes – Sperlingsvögel

Unterordnung: Passeres – Singvögel

Familie: Alaudidae – Lerchen

Gattung: Calandrella

Art: Calandrella brachydactyla – Kurzzehenlerche

Unterarten: Calandrella brachydactyla brachydactyla, Calandrella brachydactyla hungarica; Calandrella brachydactyla hermonensis; Calandrella brachydactyla artemisiana; Calandrella brachydactyla longipennis; Calandrella brachydactyla dukhunensis; Calandrella brachydactyla rubiginosa

Bei Howard & Moore (1984) wird die Kurzzehenlerche als Calandrella cinerea (Gmelin, 1789) zusammen mit der Rotkappen- oder Rotscheitellerche als eine Art aufgeführt.

Kurzzehenlerche

Beschreibung:

Länge 14 bis 16 cm. Oberseite sandfarben bis hell rötlich braun mit gräulich schwarzen Federzentren. Weißlicher Überaugenstreif. Rötliches oder bräunlich beiges Brustband. An den Kropfseiten und den Flanken dunkel gefleckt, der Bartstreif dünn und graubraun. Bürzel und Oberschwanzdecken sind zimtfarben gelbbraun. Kehle, Brustmitte, Bauch und Unterschwanzdecken sind weiß bis cremeweiß. Hand- und Armschwingen sind dunkel graubraun, undeutlich hell gesäumt. Die Schwanzfedern sind schwarzbraun oder gräulich schwarz mit teils rosa zimtfarbenem Saum. Die Geschlechter sind gleich gefärbt, doch sind die Männchen etwas kräftiger was besonders auffällt wenn man die Vögel zum direkten Vergleich in die Hand nimmt. In der Voliere verhält das Männchen sich auch „stolzer“. Eine sichere Geschlechtsbestimmung ohne direkten Vergleich halte ich dagegen für nahezu unmöglich.

Verbreitung und Biotop:

Die Kurzzehenlerche bewohnt die niederschlagsarmen Bereiche Nordafrikas und Südeuropas sowie die Gebiete nördlich und östlich des schwarzen Meeres. In Asien ist sie von der Türkei bis China verbreitet. Das Europäische Hauptvorkommen liegt auf der Iberischen Halbinsel. In Mitteleuropa ist die Art seltener Brutvogel Ungarns. In Süddeutschland ist sie vor allem im Mai / Juni regelmäßiger Gast, in der Slowakei und in Tschechien brütet sie seit kurzem. Die europäischen Kurzzehenlerchen sind Zugvögel die vor allem südlich der Sahara überwintern.

Die Art bewohnt Halbwüsten, Randgebiete von Steppen, auch Weide- und Ackerflächen sowie Brachland und karge Kulturflächen mit niedrigem Bewuchs. Die isolierte ungarische Population lebt fast ausschließlich in Natronsteppen. Mit landwirtschaftlicher Intensivnutzung kommt die Lerche kaum zurecht, so dass in manchen Teilen Europas, vor allem in Frankreich, das Brutareal schrumpft.

Außerhalb der Brutzeit lebt die Kurzzehenlerche gesellig, am häufigsten in Gruppen. Diese können aus einigen bis zu mehreren Hundert Vögeln bestehen.

Unterbringung:

Seit fast 2 Jahren bewohnten die Lerchen meine Volierenanlage und hatten bisher noch keine Brutabsichten gezeigt. Nach Fertigstellung meiner neuen Volieren Anfang Mai zogen sie um da diese fast ganztägig von der Sonne beschienen werden, während die alten Volieren eher schattig liegen. Die Kurzzehenlerchen sind jetzt in einer Voliere mit einer Grundfläche von 2x4m untergebracht. Diese ist mit Ilex, Bambus und Liguster recht spärlich bepflanzt. Einige größere Steine, Weidezaunpfähle und inselartig angelegte Grasflächen vervollständigen die Voliereneinrichtung. Wichtig sind vor allem die freien Bodenflächen da die Lerchen sich fast ausschließlich auf dem Boden aufhalten. Ein Teil ist hier mit feinem Sand bedeckt in dem gern ausgiebige Sandbäder genommen werden und sich auch zum Sonnen in flache, gescharrte Kuhlen gelegt wird. Das Gras sollte unbedingt kurz gehalten werden damit die Lerchen das Gelände überblicken können. Wird dieses zu hoch, halten sich auch die Lerchen im oberen Volierenbereich auf dickeren Ästen oder Nistkästen auf. Die Volieren sind komplett mit lichtdurchlässigen Platten überdacht, dieses halte ich für wichtig da die tiefen Bodennester leicht bei stärkeren Regenschauern unter Wasser stehen würden und die Volieren so trocken bleiben. Vergesellschaftet sind die Lerchen mit Gartenrotschwanz und Trauerzeisig, Streitereien mit diesen Arten konnte ich nie beobachten, man ignorierte sich völlig.

Kennt man das ungestüme Verhalten ihrer Verwandtschaft überrascht einen die ruhige Art der Kurzzehenlerche doch sehr. Beim Betreten der Voliere fliegt die Lerche zwar auf und in wellenartigem, langsamem Flug in ca. 1,6 bis 1,8m Höhe durch die Voliere doch niemals unter die Volierendecke. Nach einiger Zeit waren die Lerchen so vertraut dass sie mir schon zwischen den Füßen umherliefen.

Ernährung:

Als Grundfutter erhalten die Kurzzehenlerchen ein gutes Waldvogelfutter und eine Exotenmischung sowie ein Insektenweichfutter (Fa. Muchaterra). Zur Brutzeit wird das Weichfutter vermehrt mit Lebendfutter angereichert, dieses sind Pinkies (abgekocht), Mehlkäferlarven und Buffalos (tiefgefroren). Weiterhin erhalten die Lerchen jetzt ein Keimfutter. Dieses wird aus einem Keimfutter für Kanarien und Zeisige gemischt. Die für die Trauerzeisige gereichten halbreifen Wildsämereien werden von den Lerchen auch gern nach Insekten abgesucht. Selbstverständlich wird das Futter für die Lerchen in flachen Schalen am Boden angeboten. Eine flache Wasserschale steht ebenfalls am Boden, beim Baden im Wasser konnte ich die Lerchen allerdings nie beobachten.

Junge im Bodennest

Fortpflanzung:

Der leise, melodische Gesang des Männchens war in der Voliere an sonnigen Tagen vereinzelt bereits Ende April zu hören und hin und wieder konnte ich auch kurze Verfolgungsjagden am Boden beobachten die aber harmlos verliefen. Das Männchen läuft mit gesträubter Holle und leicht gehobenem Schwanz aufgeregt um das Weibchen. Dabei hüpft es und springt auch hoch. Das balzende Männchen verfolgt ständig das Weibchen und manchmal fliegen sie gegenüber hoch was den Eindruck eines Kampfes erweckt, aber harmlos ist und zur Balz gehört. Der Gesang wird meist vom Boden, einem Stein oder einem Weidezaunpfahl in ca. 0,8m Höhe vorgetragen. Während des Fluges vorgetragenen Balzgesang konnte ich in der Voliere nicht beobachten. Hält man wie ich in den Nachbarvolieren Arten wie z. B. Garten- und Singdrossel geht der Gesang der Lerche hier völlig unter denn mit dem unserer Feldlerche kann er bei weitem nicht konkurrieren.

Nach dem Umsetzen in die neue Voliere nahmen die Aktivitäten zu und ich hoffte auf einen erfolgreichen Brutverlauf.

Der Nistplatz wird vom Weibchen ausgewählt und wie in der Literatur beschrieben wurde eine Mulde von ca. 8cm Durchmesser und einer Tiefe von ca. 5cm ausgescharrt. Die Mulde lag so unter einem großen Stein das dieser in der heißen Mittagssonne Schatten spendete. Das Nest wurde mit feinen Gräsern und Scharpie ausgelegt wobei letzteres größtenteils von dem Gartenrotschwanzweibchen wieder entfernt wurde. Entdeckt habe ich das Nest erst am 11.Juni, als bereits ein Ei darin lag. Damit begannen die Lerchen bei mir gut einen Monat später mit dem Brutgeschäft als in der Literatur beschrieben, was ich natürlich auf den Umzug zurückführte. Es wurden nur noch zwei weitere Eier gelegt (Gelegegröße nach Literaturangaben 3 bis 6 Eier) und nun sollte die Bebrütung beginnen. Doch ich konnte das Weibchen auch die folgenden Tage in der Voliere beobachten und erst als ich mich vorsichtig an die Voliere schlich konnte ich sehen wie es schnell, aber unter Ausnutzung der Deckung spendenden Vegetation das Nest verließ. Solange ich mich an der Voliere aufhielt kehrte das Weibchen auch nicht auf das Nest zurück. Die Brutdauer beträgt 13 bis 14 Tage, gebrütet wird ausschließlich vom Weibchen. Es schlüpften 2 Junge, das dritte Ei konnte ich nicht mehr auffinden. Die Jungen wurden von beiden Altvögeln mit Nahrung versorgt wobei das Nest in den ersten Tagen unter Ausnutzung der Deckung angelaufen wurde, mit zunehmendem Alter der Jungvögel wurden auch die Lerchen unvorsichtiger und brachten die Nahrung direkt zum Nest. Nach 10 Tagen bemerkte ich dass die Altvögel sichtlich aufgeregt  mit aufgestellten Kopffedern, hängenden Flügeln und gestelztem Schwanz durch die Voliere liefen und die beiden Jungen ihnen bettelnd folgten. Natürlich wurde sofort der Fotoapparat geholt um dieses im Bild festzuhalten doch konnte ich die Jungen nirgends mehr entdecken. Nach kurzer Suche fand ich sie in der Nestmulde und der Fototermin musste bis zum nächsten Ausflug verschoben werden. Noch 2 Tage suchten die Jungen das Nest wieder auf, dann wurde es nicht mehr beachtet. Bereits 5 Tage nach Verlassen des Nestes konnte ich beobachten wie ein Jungvogel recht unbeholfen eine Bodenmulde in den feinen Sand scharrte um ein Sonnenbad zu nehmen. Diese ungeschützten Mulden findet man überall in der Voliere, sie dienen auch als Schlafstelle. Mit ca. 14 Tagen beginnen die ersten Flugversuche, bereits 2 Tage später fliegen sie schon recht gut und beginnen auch selbständig Nahrung aufzunehmen. Die Jugendmauser beginnt im Alter von ca. 6 Wochen. Eine weitere Brut wurde leider nicht mehr durchgeführt.

Jungvögel

Text und Bilder: Th. Ratjen (2018)

Literatur:

Pätzold „Kompendium der Lerchen“

Endes „Die Kurzzehenlerche“ Die Neue Brehm Bücherei

Limbrunner, Bezzel, Richarz, Singer „Enzyklopädie der Brutvögel Europas“ Kosmos