Arbeitsgruppe Weichfresser e.V. - Für Freunde der Weichfresser

Blauracke

17 Mrz, 2018

Blauracke

Über die Blauracke oder Mandelkrähe

Coracias garrulus (Linné, 1758)

Text und Fotos: Thomas Ratjen

So richtig gefallen hat die Blauracke mir eigentlich nie, aber als mir dann ein zweijähriges Paar angeboten wurde konnte ich doch nicht widerstehen und diese Art hielt Einzug in meine Volieren. Heute gehören sie mit ihrem farbenprächtigen Gefieder und interessantem Brutverhalten zu meinen Lieblingsvögeln und ich möchte sie nicht mehr missen. Über meine erfolgreiche Nachzucht dieser Racke möchte ich hier berichten.

 

Systematik:

Ordnung: Coraciiformes – Rackenvögel

Familie: Coraciidae – Eigentliche Racken

Gattung: Coracias

Unterarten: Coracias garrulus semenowi, Coracias garrulus garrulus

 

Namen:

Englisch: European Roller

Beschreibung: Blauracken erreichen eine Größe von 31–32 Zentimetern, ihr Gewicht liegt zwischen 130 und 160 Gramm. Es besteht kein Geschlechtsdimorphismus. Weibchen und Männchen gleichen sich in der Farbverteilung. Kopf, Hals und die gesamte Unterseite sind türkis, Stirn und Kinn sind weißlichgrau. Der obere Rücken und die Schultern sind rötlich-zimtfarben, der untere Rücken violettblau, die Oberschwanzdecken ultramarinblau. Die beiden mittleren Steuerfedern sind dunkel-olivgrün, die anderen türkis-azurblau mit dunkleren Basen. Die beiden äußersten Steuerfedern sind geringfügig verlängert und dunkel gesäumt. Die Handschwingen sind mehrheitlich braunschwarz, zu den Armschwingen hin im basalen Bereich türkis, die Armschwingen zu 3/5 braunschwarz und im basalen Bereich türkis. Die türkisen Bereiche sind auf der Oberseite farbintensiver, auf der Unterseite können die dunklen Schwingen je nach Lichteinfall purpurn schimmern. Die Kleinen Oberflügeldecken sind intensiv purpurblau, die übrigen wie auch die Unterflügeldecken mehrheitlich türkis.

Häufigste Lautäußerung ist der raue und etwas hölzerne Stimmfühlungs- (und wohl auch Erregungs-) ruf „rack“, oft 2–3mal wiederholt oder auch länger gereiht „rack rack rackrack“, Schrecklaut ein sehr krähenartiges „kraaah“, Warnruf ein lautes „äääärrr“. Der Ausdrucksflug der Männchen wird zunächst von einzelnen „rack“ begleitet, die für die Dauer der Sturzflugphase von rasch gereihtem hölzernem „rärrärrärrärrärr…“ abgelöst werden.

Verbreitung und Biotop: Die Blauracke ist eine Wärme liebende Art, die während der Brutmonate Mai, Juni und Juli möglichst trockene und warme Witterungsverhältnisse benötigt. Die Nominatform ist vor allem im östlichen, südlichen und südöstlichen Europa verbreitet. Ebenso ist die Art im westlichen Nordafrika (Maghreb), in weiten Teilen Spaniens sowie an der französischen Mittelmeerküste und einigen der großen Mittelmeerinseln vertreten. Auf Korsika und auf Kreta erscheint sie jedoch nur als Durchzieher. In Nordosteuropa brütet die Blauracke in Ostpolen und vereinzelt in den baltischen Staaten sowie im europäischen Russland. Im Gebiet desLadoga Sees erreicht sie mit ungefähr 60° n. B. ihre nördlichste Verbreitung. Weiter ostwärts weicht die Verbreitungsgrenze nach Süden und folgt im Wesentlichen der nördlichen Verbreitungsgrenze der Stieleiche. In Asien erreichen die Vorkommen das südliche Mittelsibirien, sowie unter Auslassung der zentralasiatischen Steppengebiete den Nordwesten Irans. Die Unterart semenowi brütet im südwestlichen sowie den südlichen Teilen Zentralasiens, nach Osten hin bis Xinjiang.

Auch wenn immer mal wieder einzelne Vögel gesichtet werden (auch aus der Haltung entwichen) zählen Blauracken zu den aktuell ausgestorbenen Brutvögeln Deutschlands. In der Colbitz-Letzlinger Heide / Sachsen – Anhalt und der Niederlausitz brüteten bis 1990 die wunderschönen Vögel, nachdem sie sich bereits um 1950 aus Niedersachsen, in Baden-Württemberg und in Bayern verabschiedet hatten. Die Gründe für ihr Verschwinden sind bekannt: Intensivierung der Landwirtschaft einhergehend mit einem Mangel an Großinsekten. Aufforstungen und das Verschwinden althergebrachter Landnutzungsformen wie Hutewirtschaft, Schafhaltung und Streuobstwiesennutzung, sowie Mangel an geeigneten Brutplätzen besiegelten dann endgültig das Schicksal der Blauracken.

Die Blauracke nistet vor allem am Rande sehr lichter Waldbestände, bevorzugt in alten Eichenwäldern und lichten Kiefernbeständen, die an Insektenreiche Heidekrautbestände oder Wiesen, Weiden und andere extensiv genutzte Flächen grenzen. Zuweilen nutzt sie auchStreuobstwiesen und größere Parkgelände. Brutstandorte in Gewässernähe werden bevorzugt. Weiter südlich brütet sie in Flussbegleitenden Gehölzen und in Gehölzinseln in ansonsten weitgehend baumlosen Regionen. Als Höhlenbrüter ist sie auf das Vorhandensein von natürlichen Bruthöhlen oder alten Spechthöhlen angewiesen bzw. muss Sandstein, Lehm- oderLösabbrüche vorfinden, um Bruthöhlen selbst graben zu können. Um erfolgreich jagen zu können, benötigt sie Ansitze, von denen aus sie die Freiflächen nach Beute absucht. Wenn sie nicht verfolgt wird, meidet sie die Nähe des Menschen und menschlicher Siedlungen nicht.

Die Blauracke ist eine Art der Niederungen und der Hügellandstufe. Die bisher höchstliegenden bekannten Brutgebiete befinden sich auf etwa 2000 Metern im Atlas.

Nahrungserwerb: Die Art ist ein Wartenjäger, der meist 1–5 (–10) m über dem Boden an Punkten mit freiem Ausblick (dürre oder wenig beblätterte Zweige, Pfähle und sehr gerne Leitungsdrähte, im Winterquartier auch Termitenbauten u. a.) inmitten oder am Rand einer vegetationsarmen oder kurz begrasten bzw. gemähten oder auch abgebrannten Fläche ansitzt. Sie fliegt zu einem sichtbar werdenden Beutetier oder lässt sich in einer Art Flugsprung langsam fallen, greift es mit dem Schnabel und fliegt die alte oder eine andere Warte an. Fliehende Kleintiere werden manchmal mit wenigen recht ungelenken Sprüngen unter Zuhilfenahme der Flügel eingeholt, oft aber ohne den Versuch einer Verfolgung aufgegeben. Verschluckt wird die Beute auf der Warte, wobei Wirbeltiere und größere Insekten vorher ein- oder mehrfach kräftig gegen den Sitz geschlagen und manchmal auch hochgeworfen und wieder aufgefangen werden. Andere Beutetiere (Maikäfer, auch Libellen) werden gleichfalls von einer Warte aus im Fliegen erbeutet oder ausnahmsweise im Flug von Getreideähren abgelesen. Im Winterquartier macht die Blauracke zeitweise echte Flugjagd auf schwärmende Ameisen und Termiten. Meist halten Brutvögel tage- und wochenlang an ganz bestimmten Jagdgebieten und -warten fest.

Nahrung in der Natur: Hauptbeutetiere in der Natur sind mittelgroße und große Käfer und Geradflügler, zeitweise auch terrestrische Wanzen, in geringen Anteilen treten andere Insektengruppen, gelegentlich auch andere Arthropoden (einzelne große Springspinnen, Skorpione, Tausendfüßler), Regenwürmer, Weichtiere, ziemlich regelmäßig auch einzelne kleine Wirbeltiere in den Nahrungslisten auf. Die Mehrzahl der Beutetiere ist 10–30 mm groß, Insekten unter 10 mm Länge werden selten beachtet, nach oben reicht die Spanne bis zu den größten heimischen Käferarten Nashornkäfer und Hirschkäfer. Zur (quantitativ immer recht unbedeutenden) Wirbeltierbeute zählen vor allem kleine Frösche, einzelne Eidechsen, kleine Blindschleichen, bis 20 cm lange junge Ringelnattern, Waldspitzmäuse und Feldmäuse, auf nahrungslosen Mittelmeerinseln auf dem Zuge ausnahmsweise auch entkräftete Kleinvögel. Im Brutgebiet ist die Nahrung rein animalisch, auf dem Wegzug durch das Mittelmeergebiet nimmt die Blauracke jedoch auch Weinbeeren und reife Feigen an, von denen das Gefieder an der Schnabelwurzel ganz verklebt sein kann. Im afrikanischen Winterquartier ist die Art wieder rein insektivor, doch scheinen in der Regel Geradflügler

über die im Brutgebiet gewöhnlich vorherrschenden Käfer zu dominieren. Offenbar ohne Schaden verzehrt die Blauracke viele von anderen Vögeln abgelehnte, durch Abwehrstoffe mehr oder weniger geschützte Beutetiere wie Lauf- und Leuchtkäfer, Wanzen und Raupen. Jeweils die häufigsten terrestrischen oder langsam fliegenden Großarthropoden herrschen vor. In den südlichen Steppen- und Waldsteppenlandschaften spielen meist Grillen, Maulwurfsgrillen und andere Geradflügler, in der Waldzone vor allem Rosskäfer und große Bockkäfer, im Mittelmeergebiet manchmal auch noch große Zikaden eine besondere Rolle.

In der Voliere ernähre ich die Blauracken mit angetauten und dann klein geschnittenen Eintagsküken, Mehlkäferlarven und -puppen, gefrorenen Pinkies, großen Heimchen (lebend und auch gefroren) und Zophobas. Rinderherz und kleine Mäuse wurden von meinen Blauracken nicht angenommen. Gefrorene Drohnenbrut wird erst gereicht wenn die Jungen größer sind da die Altvögel sonst schnell zu triebig werden. Das Lebendfutter wird vor der Verfütterung leicht mit Nekton MSA bestäubt. Ein grobes Weichfutter wird vor allem in der Ruhezeit gereicht. Mein Lebend- und Weichfutter beziehe ich in hervorragender Qualität von der Fa. Mucha terra (www.muchaterra.de). Ein größeres Wasserbecken mit frischem Wasser steht ständig zur Verfügung, es wird nach meinen Beobachtungen aber nur sehr selten aufgesucht.

Wichtig sind sonnenbeschienene Plätze, da die Blauracken gern und oft Sonnenbäder nehmen.

Auch der Nachzügler wächst stetig mit.

Vermehrung: Die Blauracken wurden in einer 4x10x2,2 m großen Aussenvoliere ohne Schutzhaus untergebracht, hier verblieben sie das ganze Jahr. Diese Voliere ist komplett mit durchsichtigen Trapezplatten überdacht und an 3 Seiten geschlossen. Bepflanzt ist die Voliere mit Gräsern, Holunder, Efeu und Eibe. Es wird aber immer darauf geachtet, dass ein großer Teil der Bodenfläche und auch der obere Volierenbereich frei bleiben denn gerade im Flug (Balzflüge im Frühjahr) kommt die Farbenpracht der Blauracke besonders zur Geltung. Vergesellschaftet sind die Racken mit Weisshandkernbeissern, Scheckendrosseln und Gartenrotschwanz was zu keinen Problemen führte. Eine Vergesellschaftung mit dem ebenfalls blauen Rotkehlhüttensänger musste ich beenden als ich beobachtete, dass eine Blauracke den Sänger in der Luft ergriff und kurz durchschüttelte.

Die Geschlechtsreife beginnt in der Regel wohl erst mit 2 Jahren, es sind mir aber auch erfolgreiche Bruten von einjährigen Paaren bekannt. Gebrütet wird in der Natur fast ausnahmslos in Baumhöhlen, und zwar sowohl in ziemlich weiten, freien Einblick gewährenden Höhlungen wie in ausgefaulten Astlöchern, Schwarz- und Grünspechthöhlen, wobei die letzteren für die Blauracke mitunter sehr eng sind. Häufigste Höhlenbäume sind in Mitteleuropa Kiefern und Eichen, in Frage kommen aber alle größeren Waldbäume tieferer Lagen. In Südeuropa brüten viele Blauracken in Höhlungen von Sandstein- oder Kalkfelsen oder noch häufiger in selbstgegrabenen Erdhöhlen in Sand-, Lehm- oder Lößwänden. In Nordafrika und im Orient schließlich bilden Mauerlöcher in Stadtbefestigungen, Burgen, Ruinen und Grabmälern bevorzugte Nistgelegenheiten. In Südeuropa sind Bruten an (mindestens vorübergehend unbewohnten) Gebäuden nicht selten. Die Blauracke nimmt auch Kunsthöhlen und Nistkasten an. Bei meinem Urlaub in Ungarn zeigte mir unser Ranger einige Nistkästen für Blauracken die an Weidezaunpfählen in ca. 1,2m Höhe angebracht waren. Durch diese Maßnahme konnte nach seiner Aussage die Population innerhalb weniger Jahre nahezu verdreifacht werden.

Ein in der Voliere in ca. 1,8m Höhe angebrachter Birkenniststamm (Höhe 50cm, Innendurchmesser 27cm, Durchmesser Einflugloch 9cm) blieb bis Anfang Mai verschlossen. Bei gutem Wetter öffnete ich das Einflugloch und war gespannt was passieren würde. Die Blauracken flogen mehrmals am Nistkasten vorbei ohne dass eine Reaktion erfolgte. Als sie das offene Einflugloch dann endlich entdeckten änderte sich schlagartig das Verhalten meiner Racken. Unter lautem Rufen wurde die Höhle immer wieder angeflogen und auch hineingeschlüpft. Das Männchen vollführte seine Balzflüge aufgeregt rufend durch die Voliere und das bisher eher ruhige Verhalten war vorbei. Bei der Balz wenden sich die Partner einander zu, fächern die Schwänze, lassen die abgespreizten Flügel etwas hängen und verbeugen sich unter (u. U. minutenlang anhaltenden) heiseren „rääääb-gräääb-…“-Rufen. Die Erregung steigert sich mehr und mehr, und die Vögel schlagen bei der Verbeugung mit den Schnäbeln gegen den Sitzast oder wetzen sie an diesem.

In das Buchenholzgranulat (Nistmaterial wird nicht eingetragen) wurde eine Mulde gemacht und vom Weibchen vier Eier (oval, reinweiß und glänzend) gelegt die von beiden Partnern bebrütet wurden. Die Gelegegröße beträgt meist 4–6, seltener 3 oder 7 Eier, der Legeabstand 48 Stunden. Brutbeginn war ist meist vor oder mit Ablage des letzten Eies, nach 18 Tagen schlüpften die ersten beiden Jungvögel, einer am nächsten Tag und der letzte 3 Tage später. In den ersten Tagen wurden die Jungen mit Pinkies und Mehlkäferlarven gefüttert, ab dem vierten Tag mit Beinen der Eintagsküken (was mein Freund Thomas Wendt bei seinen Racken auch schon beobachten konnte), nach ca. einer Woche ausschließlich mit zerkleinerten Eintagsküken. Bei der Beringung mit Artenschutzringen (die Art ist kennzeichnungs-, melde- und Nachweispflichtig) bemerkte ich, dass im Buchenholzgranulat ein reges Treiben herrschte und sich zahlreiche Fliegenmaden darin befanden. Die Jungen wurden aus der Bruthöhle entfernt und der Bodenbelag ausgetauscht. Dies wurde weder von den Jungen noch von den Altvögeln übel genommen. Die Nestlingszeit beträgt 27 bis 30 Tage, der Nachzügler blieb noch 3 Tage im Nistkasten als seine Geschwister die Höhle bereits verlassen hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Bruthöhle noch mehrmals von mir gereinigt. Mit großem Interesse las ich vor kurzem den Bericht über Fliegenmaden in der Bruthöhle von Bienenfressern. Es wurde in einer Studie vom Konrad-Lorenz-Institut für vergleichende Verhaltungsforschung der Vetmeduni Vienna festgestellt, dass diese „Abfallbeseitiger“ einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Jungvögel haben. Bei einer erhöhten Anzahl Fliegenlarven waren die Nestlinge im Vergleich zu den Kontrollgruppen nachweislich schwerer und größer. Somit werde ich diese Reinigung in Zukunft unterlassen, aber ständig die Entwicklung der Jungen beobachten.

Ca. 14 Tage nach dem Ausfliegen war zwischen den Geschwistern allerdings kein Unterschied mehr zu erkennen. Die teilweise recht ungestümen Jungvögel wurden nach dem Ausfliegen noch ca. 28 Tage von den Eltern gefüttert. Eine von mir anhand der Gefiederfärbung vorgenommene Geschlechtsbestimmung (das Männchen des Zuchtpaares war deutlich blasser gefärbt als das Weibchen) ergab ein Verhältnis von 2,2 was sich durch eine DNA Untersuchung, die man zur Sicherheit immer durchführen sollte, zu meiner Überraschung tatsächlich bestätigte. Da nur eine Jahresbrut durchgeführt wird konnten die Jungen ohne Probleme bei den Altvögeln belassen werden.

Literatur: „Handbuch der Vögel Mitteleuropas“ Urs N. Glutz v. Blotzheim, Vogelzug Verlag

Veröffentlicht: 17.03.2018